Zwischen Orscha und Witebsk 1943/44
Friedrich Gürge 1942
Aus dem Soldbuch
Im Kochgeschirr befand sich noch die Erbsensuppe vom Abend vorher, halbgefroren, eiskalt, schon gestern Abend nur lauwarm, ich hätte sie gar nicht holen sollen, drei Löffel hatten mir genügt, großen Appetit hatte ich nicht gehabt. Aber man konnte sich beim Essenholen auf dem Weg nach hinten endlich wieder richtig bewegen, die steifen Glieder strecken, hinter dem Abhang in Ruhe eine Zigarette rauchen, ein paar Worte mit den Leuten von der Feldküche reden. Und ich fühlte mich hier hinter dem Hang etwas sicherer, versuchte, den Gang zurück zur MG-Stellung noch ein wenig aufzuschieben. So war ich doch wenigstens für ein halbes Stündchen an einem etwas geschützteren Ort, aus der unmittelbaren Gefahrenzone und dem ganzen Dreck heraus. Denn wir lagen hier im Raume Bondary (wahrscheinlich bei Orlowo), wo im Februar 1944 heftige Kämpfe tobten. Unter Einsatz von Panzern, Raketenwerfern und schweren Waffen und ohne Rücksicht auf eigene Verluste versuchten die Russen immer wieder, auf die Bahnlinie und die Rollbahn Orscha-Witebsk durchzubrechen, um die Versorgung der 3. Panzerarmee mit dem notwendigen Nachschub zu unterbinden. In die grausamen und verlustreichen Abwehrkämpfe war neben anderen Einheiten auch die 246. Infanterie-Division im Norden der sogenannten Pantherstellung verwickelt. Zur Verstärkung wurde von der 256. Division, die sich im Süden an der rechten Flanke der 246. ID befand, das 2. Bataillon des Grenadier-Regiments 481 (II. / GR 481), zu dem auch ich gehörte, in den nördlichen Teil dieses Frontabschnittes verlegt.

Neben einer Mulde im Gelände stand der Panjewagen mit den Essenskübeln und den Kisten mit der Kaltverpflegung, den Brot-, Wurst-, Käse- und Margarinerationen. In der Mulde lagen die Vorräte an Munition: Handgranaten, Maschinengewehrmunition, Munition für die Granatwerfer, Leuchtpatronen. Auf dem Rückwege war man ziemlich bepackt: Die Kochgeschirre, neue Munition für das Maschinengewehr, Leuchtpatronen, das Brot und die Kaltverpflegung. Ich wäre gerne jeden Abend bei Anbruch der Dunkelheit zum Essenfassen nach hinten gegangen. Aber mein Kamerad Walter hatte natürlich den gleichen Wunsch, denn es war wie ein Spaziergang auf den man sich freute, man konnte endlich wieder aufrecht stehen, aufrecht gehen, sich bequem auf eine Munitionskiste setzen, eine Zigarette rauchen, ohne die Hand über die Glut zu halten, ohne den Rauch nach unten in eine Ecke blasen zu müssen. Schade, daß man nicht ein längeres Stück laufen konnte, es wäre einem dann sicher endlich wieder einmal richtig warm geworden. Denn es war recht kalt, besonders in der Nacht, die Kleidung rieb sich bei jeder Bewegung unangenehm auf der kalten Haut, in der dicken Winterkleidung und den hohen Filzstiefeln konnte man sich nicht besonders gut bewegen, die Fingerhandschuhe halfen kaum gegen die Kälte.

Ich überlegte: "Wie lange sitzen wir eigentlich schon in diesem Loch? Seit wieviel Tagen?" Wir hatten zuvor in einer ruhigen und gut ausgebauten Stellung gelegen. Das war Mitte Februar 1944 gewesen. Die Feldküche hatte für die Abendverpflegung Klöße mit Sauerbraten angekündigt, in Anbetracht der sonst üblichen mageren Suppen ein Festessen. Leider kam kurz davor der Befehl zum Stellungswechsel. Wir packten unsere wenigen Sachen zusammen und marschierten dann nach hinten. Eine längere Fahrt auf einem LKW in die Nacht, absteigen und Fußmarsch auf einem zerfahrenen Weg, an zerschossenen Häusern vorbei auf den Geschützlärm und die aufblitzenden Lichtscheine der nahen Front zu. Jemand sagte laut: "Es geht an die Rollbahn Smolensk-Witebsk."

Es gelang mir nicht, die Tage zu zählen, die wir schon in diesem Loch verbracht hatten, oder festzustellen, welchen Wochentag wir hatten. Wir, das waren Walter und ich. Walter war der Schütze 2, etwa in meinem Alter, ein Bauernsohn aus Ostpreußen. Er hatte viel von zu Hause erzählt: Von seinen Eltern, seinen Geschwistern, vom Leben und der Arbeit auf ihrem Bauernhofe. Er hatte mir Photographien von seinen Eltern und von einer seiner Schwestern, die er offenbar besonders gern hatte, gezeigt. Wir verstanden uns gut, konnten uns aufeinander verlassen, waren gute Kameraden geworden. Saßen wir schon acht Tage in dieser MG-Stellung oder waren es bereits zehn? Nach zwei Wochen würde man uns vielleicht schon ablösen. Es gab drei Möglichkeiten hier herauszukommen: Ablösung, weil die Verluste zu groß geworden waren oder die Mannschaft total erschöpft war, eine Verwundung, oder man verließ das Loch als Toter, wurde in einer Zeltbahn nach hinten geschafft. Am besten die Ablösung, aber auch eine leichte Verwundung hätte man in Kauf genommen, um aus diesem Dreck herauszukommen und eine längere Zeit in einem Lazarett oder sogar in der Heimat zu verbringen. Denn auch wir wollten am Leben bleiben, wollten halbwegs gesund wieder nach Hause kommen.

Die Chancen, hier heil herauszukommen, erschienen mir aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen nicht sehr groß. Diese MG-Stellung war im Grunde eine Mausefalle. Eine latente Angst begleitete mich Tag und Nacht, und dabei verfolgte mich unablässig die Ahnung, daß das hier nicht gut ausgehen würde. Es gab kein durchgehendes Grabensystem, die Abstände zwischen den einzelnen Schützenlöchern waren sehr groß, wir hatten keinen Kontakt mit den übrigen Stellungen, weder nach rechts noch nach links. Wir waren auf uns allein gestellt. Unsere MG-Stellung lag im oberen Drittel eines flach abfallenden Hanges. Am unteren Ende verlief eine Straße (Rollbahn genannt), auf dem gegenüberliegenden Hang befand sich ein zweites deutsches MG-Nest. Das Schußfeld für das MG war sehr gut gewählt, das Gelände trotz vieler Granattrichter übersichtlich und gut einzusehen, vor unserem Loch lag Stacheldraht, weiterer auf dem Gelände zur Rollbahn hin. Allerdings zog sich der Hang hinter unserem MG-Nest noch etwa hundert Meter in die Höhe. Diese Stellung konnten wir nur nachts verlassen, am Tage wäre man von den russischen Scharfschützen wie ein Hase abgeschossen worden. Ich überlegte immer wieder, wie man diese einfache Stellung etwas ausbauen und damit sicherer machen könnte. Aber es blieb bei den Überlegungen: Der gefrorene Boden, kein entsprechendes Schanzzeug, kein Holz für den Ausbau, und ohne daß es den Russen aufgefallen wäre, hätte man die Arbeiten auch nicht durchführen können.

Friedrich Gürge: Im Osten 1943/44
Im Osten 1943/44
In unserem MG-Nest konnten gerade fünf Leute mit angezogenen Knien nebeneinander sitzen, aufrecht stehen konnte man darin tagsüber nicht, dazu war es nicht tief genug. In der linken Ecke lag etwas Stroh, am rechten Ende war der MG-Tisch mit der Lafette hinter einem kleinen Erdwall aufgebaut, daneben lagen Handgranaten, Ersatzläufe, die Leuchtpistole mit den Patronen. Das Maschinengewehr und die Munitions-kästen standen in der anderen Grabenecke. In einer Wand des Grabens war eine kleine Nische, dort lagen die Feldflaschen, die Verpflegung, ein kleiner, völlig unbrauchbarer Esbitkocher, mit dem sich doch nichts richtig erwärmen ließ, und einige andere Utensilien, in der Butterdose ein Stückchen Margarine und der Kunsthonig, im Deckel des Kochgeschirrs ein paar Käseecken. Das Brot trugen wir in der Jackentasche, so konnte es nicht anfrieren. In der Feldflasche klapperte es, wenn man sie schüttelte, über Nacht hatten sich Eisstückchen im Tee gebildet. Das Brot ließ sich noch ohne größere Probleme verzehren, ein Griff in die Tasche der Winterjacke, ein Stück abgebrochen und den Rest zurück in die Tasche, dazu ein Stück vom Honig abgebissen. Mit den steifgefrorenen Fingern gelang es mir nicht, eine Scheibe abzuschneiden, ein Brot zu schmieren oder das Silberpapier von den Käseecken zu entfernen, sie wurden in den Mund gesteckt und ausgekaut. Zudem war dies bei unseren vor Dreck starrenden Händen auch ein wenig appetitlicher.

Ruhe gab es in dieser Stellung nicht. Am Tage versuchten die Russen immer wieder durchzubrechen. Mit Artillerie- und Granatwerferbeschuß begannen die Durchbruchsversuche, dann folgte die Infanterie. Wir forderten mit den täglich neu vereinbarten Leuchtzeichen Sperrfeuer von unserer Artillerie an, hofften, daß diese nicht wieder einmal zu kurz schoß, brachten unser MG in Stellung und nahmen die anstürmenden Russen unter Beschuß. Manchmal griffen die Russen auch mehrmals am Tage an. Keiner dieser Durchbruchsversuche gelang. Aber es war zermürbend, immer in großer Anspannung, immer in Unruhe und Angst, ständiges Warten auf den nächsten Angriff, Tag und Nacht keine Ruhe, Ausgang und Ende für uns ungewiß. Nachts wechselten wir uns alle zwei Stunden ab, einer stand Wache hinter dem MG und der andere versuchte, in der Ecke auf dem Stroh etwas zu dösen, schlafen war unmöglich.

Wir kannten das Gelände vor uns sehr genau, die einzelnen Granattrichter, die Drahtverhaue, die Stellen, wo sich jemand hätte verbergen können. Auf der rotbraunen Erde schimmerte an manchen Stellen noch das Weiß einer dünnen Schneedecke. Von Zeit zu Zeit schossen wir nachts eine Leuchtpatrone ab. Das Gelände lag dann schattenlos in einem gleißenden Licht, und von der einen Seite zur anderen wurde es schnell abgesucht und kontrolliert, von Granattrichter zu Granattrichter, von einem dunklen Fleck zum nächsten. Oft wurde auch eine Leuchtpatrone abgeschossen, weil man im Stehen gedöst oder geträumt hatte und sich vergewissern wollte, ob noch alles in Ordnung war.

Wir erlebten es zweimal, daß sich mehrere Russen nachts bis zum Stacheldraht vor unserer MG-Stellung geschlichen hatten. Unsere Reaktionen waren ziemlich panisch, Handgranaten, MG-Feuer, Walter schoß Leuchtpatronen in Richtung der Russen. Einmal trafen wir einen Russen auf der Mitte des Hanges mit dem MG. Er schrie laut mehrere Stunden lang, wir wagten nicht, ihn zu holen, denn man wußte nicht, ob man nur aus der Stellung herausgelockt und dann erschossen oder gefangen genommen werden sollte. Irgendwann verstummte der Russe, und am nächsten Morgen war er verschwunden. Die Sanitäter an der Ostfront trugen weder die Rot-Kreuz-Armbinde noch einen Stahlhelm mit dem roten Kreuz. Die Genfer Konvention spielte hier keine große Rolle, sie wurde kaum mehr eingehalten, der Krieg wurde auf beiden Seiten meist sehr grausam geführt.

Frühmorgens wurden wir wieder einmal mit Artillerie und Granatwerfern beschossen, die Russen versuchten erneut durchzubrechen. Nach dem Artilleriebeschuß bewegte sich auf der Rollbahn im Tal eine größere Marschkolonne im Laufschritt auf unsere Linien zu. Walter hatte sie zuerst gesehen. Er rief: "Die Russen kommen!" Wie immer machte sich bei uns Angst breit, ich stürzte zum MG, warf es auf die Lafette, legte einen Gurt ein und begann zu schießen, wurde dabei wieder ganz ruhig und angstfrei, wie immer wenn ich mich wehren und verteidigen konnte. Da wir mit Leuchtspurmunition schossen - im Patronengurt war jede zehnte Patrone ein Leuchtspurgeschoß - konnte ich bereits nach den ersten Schüssen sehen, ob das Feuer im Ziel lag. Die ersten Schüsse lagen zu kurz, dann fuhren die MG-Garben in die Kolonne. Die Russen stürzten und fielen reihenweise, sie versuchten nicht in Deckung zu gehen, sie schossen nicht, sie liefen nicht zurück, wir konnten erkennen, daß diese Soldaten unbewaffnet waren. Oder waren sie vielleicht doch bewaffnet, war es ein Täuschungsmanöver, um uns zu überrumpeln? Wir hatten keine andere Wahl als zu schießen. Walter hatte mit Leuchtpatronen Sperrfeuer angefordert, unsere Artillerie setzte mit Abwehrfeuer ein, die Kolonne kam nicht weit voran. Es war ein erbärmliches Gemetzel, die Verletzten schrieen, es gab viele Tote. Weitere Angriffe erfolgten an diesem Tage nicht, lediglich einige kurze Artillerieduelle fanden noch statt. Erst in der folgenden Nacht bargen die Russen ihre Verwundeten und Toten. Walter und ich konnten keine Erklärung dafür finden, es blieben die Fragen und die schrecklichen Eindrücke. Denn wir hatten so etwas zuvor noch nicht erlebt. Ich erinnerte mich damals aber an Erzählungen von Kameraden, daß die Russen Strafkompanien auf diese Weise ins feindliche Feuer und damit in den Tod schicken. Befehlsverweigerung, Feigheit vor dem Feinde, aber auch andere Vergehen wurden so grausam bestraft. Hätten wir nicht geschossen oder hätten die Sträflinge sich uns mit erhobenen Händen ergeben, so wären sie von den eigenen Maschinengewehren niedergemacht worden.

Friedrich Gürge 1944
Fronturlaub Juni 1944
Der nächste Morgen begann recht friedlich. Kein Schuß fiel. Ein sonniger Wintertag brach an. Es war der 23. Februar 1944. Wir saßen auf der einen Seite unseres Loches auf dem Stroh, ließen uns von der Sonne wärmen und rauchten eine selbstgedrehte Zigarette. Walter, der in der Ecke saß, stieg über mich hinweg und verrichtete ein kleines Geschäft auf der gegenüberlie-genden Seite in der Nähe des MG-Tisches. Als er beim Aufstehen seinen Kopf einige Augenblicke über den Grabenrand hob, rief ich noch "runter!" und hoffte zugleich, daß es keiner der Russen gesehen hatte. Dann rückte ich in die Ecke, Walter kam zurück und saß nun vor mir. Es war ganz ruhig, eine seltsame Stimmung machte sich breit, eine Stille, die nichts Gutes verhieß. Am liebsten wäre ich aus der Stellung gesprungen und nach hinten geflüchtet. Ich hatte so eine Ahnung: Das geht heute nicht gut, heute sind wir dran. Und als ich dann die vier dumpfen Granatwerferabschüsse hörte wußte ich, daß wir gemeint waren. Und schon zischte es kurz in der Luft, viermal hintereinander, vier Granaten explodierten dicht um unsere Stellung herum. Ich war wie erstarrt, wir saßen in der Falle, denn wir konnten hier nicht raus, wir waren der Situation hilflos ausgeliefert, saßen hier fest und hatten kaum eine Chance, das Ganze heil zu überstehen. Ich konnte nur immer wieder denken: "Keinen Volltreffer, keinen Volltreffer! Keine weitere Salve. Die sollen denken, daß wir schon getroffen und bereits tot sind! Ich springe jetzt raus! Ich springe jetzt raus, ich schaffe es bis hinter den Hang!" Zugleich wußte ich aber, daß die russischen Scharfschützen bereits auf der Lauer lagen und nur darauf warteten, daß sich einer von uns zeigte.

Eine weitere Salve: Vier dumpfe Abschüsse, das kurze, scharfe Zischen vor dem Aufschlag und die Einschläge mit den hellen Explosionen wieder dicht um unsere Stellung herum. Und schon die nächste Salve: Ich beugte mich nach vorne, machte mich ganz klein, wir drängten uns dicht aneinander, ich hörte nur noch die dumpfen Abschüsse. Als ich wieder zu mir kam, war mein erster Gedanke: "Lebst du noch oder bist du jetzt tot?" Ich rief nach Walter, erhielt aber keine Antwort. Meine Brille war weg, der Stahlhelm vom Kopf gerissen. Blut lief mir über das Gesicht und aus dem rechten Ärmel über die Hand. Walter war zur Seite gefallen, er rührte sich nicht mehr. Ich wollte ihn rütteln, ihn umdrehen, wollte nach seinen Verwundungen sehen und ihm helfen. Es gelang mir in der Enge nicht, mein rechter Arm war getroffen, er schmerzte bei jeder Bewegung. Ich rief leise nach Walter, keine Antwort; er bewegte sich nicht mehr, Verletzungen konnte ich bei ihm jedoch nicht erkennen. Eine der Werfergranaten war wohl dicht neben ihm explodiert. Die meisten Splitter hatten ihn getroffen, sein Körper hatte mich geschützt, mir das Leben gerettet. Ich selbst konnte mir auch nicht helfen, denn in der Enge und mit der Verwundung am rechten Arm konnte ich weder nachsehen, wo genau ich verletzt war noch meine Verletzungen verbinden. Es gelang mir gerade noch, meine Winterjacke zu öffnen, dann gab ich auf.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit waren es noch Stunden, und überlebt hatte ich erst, wenn ich in der Dunkelheit hier rausgeholt würde. Ich fürchtete, die Russen könnten weiter auf unsere Stellung schießen, es könnte ein russischer Angriff erfolgen. Beides hätte ich wahrscheinlich nicht mehr überlebt. Es waren furchtbare Stunden bis zum Abend. Die Zeit wollte nicht vergehen. Warten auf die Dunkelheit, zunehmende Schmerzen, immer dieselben Gedanken: Greifen die Russen wieder an, wiederholt sich der Beschuß mit dem Granatwerfer? Ist Walter vielleicht verblutet, weil ich ihm nicht helfen konnte? Ruhig sitzen bleiben, sich nicht sehen lassen, sonst schießen die Russen sicher weiter auf uns. Da halfen auch die Zigaretten wenig, die ich mir mit der linken Hand mühsam drehte und tief gebückt rauchte.

Ich selbst war erst vier Wochen vorher 19 Jahre alt geworden, Walter noch etwas jünger als ich; gerade vom Ersatztruppenteil aus der Heimat gekommen hat er hier in unserer MG-Stellung nur wenige Tage überlebt. Aufgrund seiner fehlenden Fronterfahrung blieb ihm - wie so vielen jungen Kameraden - nur eine geringe Überlebenschance. Und so machte er den verhängnisvollen Fehler, beim Aufstehen seinen Kopf kurz über dem Grabenrand sehen zu lassen, womit uns die Russen sogleich entdeckt hatten. Damals nahm ich mir vor, Walters Eltern zu schreiben, die Umstände seines Todes zu schildern und meine Anteilnahme auszudrücken. Als ich jedoch nach meinem Lazarettaufenthalt im April 1944 zur Kompanie zurückkam, konnte ich Walters Heimatadresse leider nicht mehr ermitteln. Ich selbst war hier an der Front schon bald zu einem "Alten Hasen" geworden, das hieß vor allem nicht den Helden spielen, so lange wie möglich in Deckung bleiben, auf jedes ungewohnte Geräusch achten, wenn man Abschüsse hörte sofort den Kopf einziehen und immer wieder Deckung suchen - und ich stellte auch bald fest, daß ich ohne die zusätzliche Ausbildung im ROB-Lehrgang manche brenzlige Situationen nicht heil überstanden hätte.

Als es dunkel geworden war erschienen zwei Gesichter über unserem Loch: "Lebt Ihr noch?" Wir wurden beide herausgezogen und nach hinten gebracht. Man schleppte mich in den kleinen, niedrigen Kompaniegefechtsstand, wo ich verbunden wurde, mehrere Spritzen und etwas zu trinken bekam. Auf der Fahrt zum Feldlazarett in Witebsk habe ich tief und fest geschlafen. Ich wachte nur einmal recht benommen auf, als ich auf einem Panjewagen im Stroh liegend heftig gerüttelt und geschüttelt wurde, weil wir im Galopp eine Stelle passierten, die unter Artilleriebeschuß lag. Bei der Untersuchung im Feldlazarett wurde festgestellt, daß ich am rechten Arm mehrere Splitterfrakturen und Splitterverletzungen am Kopf erlitten hatte. Bis Mitte April 1944 lag ich dann in einem sogenannten Ortslazarett, einem russischen Dorf hinter der Front, das von der Zivilbevölkerung geräumt und von einer Sanitätskompanie als Lazarett genutzt wurde. In den Blockhäusern waren die Verwundeten in Doppelstockbetten untergebracht. In größeren Gebäuden in der Ortsmitte befanden sich die Behandlungs- und Operationsräume, und hier wohnten auch die Offiziere und Ärzte. In einer ehemaligen Scheune hatte man eine Bühne für Aufführungen der Fronttheater eingerichtet, Filme wurden hier ebenfalls vorgeführt. In weiteren Gebäuden waren Verwaltung, Küche und Lager untergebracht. Einige Blockhäuser dienten den russischen Hilfswilligen und den hier beschäftigten einheimischen Frauen als Unterkunft.

Während dieses Lazarettaufenthaltes lernte ich auch den neuen Kommandeur der 256. ID (Infanterie-Division), Generalmajor Albrecht Wüstenhagen, persönlich kennen (sein Vater war Rittmeister a.D. Otto Wüstenhagen, Königlicher Amtsrat und Pächter der Domäne in Klostermansfeld). Ende 1943 hatte er die Führung der Division übernommen und wollte sich offenbar zunächst einen Eindruck vom Zustand der Einheiten verschaffen. So erschien er mit seinem Adjutanten und einigen weiteren Offizieren auch im Feldlazarett an den Betten der Verwundeten und begrüßte bei dieser Gelegenheit in einer netten Art und Weise auch mich als einen Klostermansfelder. Ich hatte zuvor bereits gehört, daß ein neuer Kommandeur unsere Division übernommen hatte, kannte aber seinen Namen noch nicht und rechnete auch nicht im entferntesten damit, daß er aus Klostermansfeld stammen könnte. So war dieser Besuch für mich eine große Überraschung. Als ich dann am 9. Juni 1944 Heimaturlaub bekam, bat mich Generalmajor Wüstenhagen, von ihm ein Päckchen für seine Familie mit nach Klostermansfeld zu nehmen. Dieses Päckchen, welches ich nach meiner Ankunft seiner Frau auf die Domäne brachte, ist vielleicht eines der letzten Lebenszeichen von ihm gewesen. Denn bereits einige Tage später, als die russische Großoffensive über den Mittelabschnitt der Ostfront hereinbrach, nahm sich Albrecht Wüstenhagen nach unbestätigten Berichten während des Rückzugs-Chaos' in einer völlig aussichtslosen Lage Ende Juni 1944 das Leben. Die Domäne in Klostermansfeld bewirtschaftete sein Bruder, sie lag neben der evangelischen Kirche auf dem Gelände des ehemaligen Klosters und war mit zehn Gespannen der größte landwirtschaftliche Betrieb in unserem Ort.

Als ich dann Anfang April 1944 aus dem Ortslazarett entlassen wurde, erhielt ich nicht etwa meine alte Winterkleidung zurück, sondern lediglich eine gewöhnliche Uniform und mußte so den Rückweg zu meiner Kompanie ohne Mantel und ohne wattierte Winterjacke bzw. -hose, ohne Filzstiefel und ohne Handschuhe antreten. Auf dem Weg zur Front kam ich immer wieder an Führungsstäben und Nachschubeinheiten vorbei, die meist in Bunkern untergebracht waren. Es war recht kalt und außer mir nur wenige Leute unterwegs, man orientierte sich mit Hilfe der zahlreichen Wegweiser, die überall angebracht waren. Bei einer dieser eingebunkerten Einheiten stand ein Offizier vor dem Eingang eines Bunkers. Ich nahm meine Hände aus der Tasche, grüßte ihn und steckte meine Hände wieder in die Hosentaschen, als hinter mir plötzlich jemand laut schrie: "He, Sie, kommen Sie sofort zurück!" Ich drehte mich um und sah nur den Offizier vor dem Bunker, einen dicken, feisten Major, den ich soeben noch vorschriftsmäßig gegrüßt hatte. Da brüllte er schon wieder: "Ja, Sie meine ich! Kommen Sie sofort her!" Dann erregte er sich darüber, daß ich als deutscher Soldat die Hände in den Hosentaschen gehabt und ihn angeblich nicht gegrüßt hatte. Für ihn bestand kein Zweifel daran, daß derart undisziplinierte Soldaten nicht mehr richtig kämpfen und dem russischen Ansturm standhalten können, und daß sich die Deutsche Wehrmacht vor allem wegen Leuten wie mir auf dem Rückzug befände. Nachdem er dann noch "Abtreten!" geschrieen hatte, durfte ich meinen Weg an die Front fortsetzen.

Lieber wäre uns Frontsoldaten ein Aufenthalt in einem Lazarett in der Heimat gewesen, aber besser als im Einsatz an der Front war es auf jeden Fall. Man führte hier ein ruhiges Leben, konnte sich endlich einmal ausschlafen und sich erholen und einen gewissen Abstand von den Erlebnissen an der Front gewinnen. So hegte man eigentlich nur den einen Wunsch, daß der Aufenthalt hier noch recht lange dauern möge. Zu kämpfen hatten wir hier lediglich mit den Wanzen. Sie ließen sich Nacht für Nacht von der Decke auf unsere Betten fallen, ihre Bisse waren wesentlich unangenehmer als die der Läuse. Jeder von uns hatte sich alte Zeitungen besorgt und legte diese vor dem Einschlafen über sich, so daß die Wanzen auf das glatte Zeitungspapier fielen, darauf abrutschten und auf dem Fußboden landeten. Von diesem Ortslazarett ging es nach der Genesung gleich wieder an die Front. Ein "Heimatschuß" war es also nicht gewesen.
Friedrich Gürge

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